Meine zwei Ladies und Ich

Auf krebsigen Umwegen zur Zielgeraden

Ein ganz herzliches Willkommen an alle Leser und Leserinnen.

Mein Name ist Beatrice Schäfer, gebürtige Schwarzwälderin und Kind vom Lande, dass dem Ruf der aufregenden Großstadt gefolgt ist. Aktuell lebe ich zwischen Berlin und London und genieße jeden Tag aufs Neue – gefüllt mit viel Neugierde auf das, was es alles zu erleben gibt.

Das war jedoch nicht immer so. Mein ganz persönliches Abenteuer mit meinem unwillkommenen Reisegast „Brustkrebs“ hat 2013 begonnen, als ich gerade Mal 25 Jahre jung war. Ich bin heute mit 32 unwesentlich älter, jedoch ist 25 (beziehungsweise jegliches Alter!) nicht das richtige, mit dem man sich diese Art von Reisebegleiter wünscht und das, obwohl ich eine abenteuerlustige Person bin.

Das Jahr 2013 hat für mich im Kreis von Freunden super gestartet und hatte das Ziel, mein Studium, das ich in 2011 mit der Fächerkombination Englischer Linguistik, Soziologie und Politik zu studieren begonnen hatte, erfolgreich zu beenden. Im April, als ich gerade anfing meine Abschlussarbeit zu schreiben, hatte mein Körper jedoch einen anderen Plan.

Ich habe früh von meiner Gynäkologin gelernt, meine Brust richtig abzutasten. So saß ich also bei einem Wochenendbesuch in der Heimat mit meinen Eltern abends auf der Couch zusammen, als ich in meiner Lieblingsposition vor dem Fernseher etwas in meiner Brust spürte. Meine Lieblingsposition dürfen Sie sich eher akrobatisch mit angewinkelten Beinen und umschlungenen Händen vorstellen. In genau dieser Position sind meine zwei Ladies – meine Brüste –  eng an die Knie gedrückt, was an diesem besagten Abend zu einem Schmerz geführt hat. Mir nichts weiter dabei denkend tastete ich meine Brust unter meinem Pulli ab. Mein Gesicht muss Bände der Angst gesprochen haben, als meine Mutter zu mir meinte: „Was um Himmels Willen ist los mit dir? Du siehst gar nicht gut aus, was ist passiert?“.

Dieser Tag war ein Freitag, das werde ich nie vergessen. Ich musste das ganze Wochenende warten, bis ich endlich am Montag zu einer Untersuchung gehen konnte. Das Wochenende war nicht schön. Ich hatte Gedanken im Kopf, die reine Panik auslösten. Ich konnte vor Angst kaum schlafen und alles, was ich geplant hatte, warf ich über Bord. An dem Wochenende war nichts mit mir anzufangen, was daraus hinauslief, dass ich es im Schlafanzug zwischen Bett und Couch mit Fernsehen verbrachte. Meine Mutter lief auch sehr unruhig und unbeholfen im Haus umher, war aber der festen Meinung, dass es nichts Schlimmeres sein könnte – ich sei ja erst 25 Jahre jung.

Was am Montag folgte, war ein Startschuss zu Untersuchungen, ein Express-Ticket zu der unsichersten Abenteuerreise meines bisherigen Lebens. Ich kann mich gar nicht mehr genau an alle Details erinnern. Es war, als ziehe ein ganzer Film an mir vorbei, an dem ich zwar teilnähme, aber doch irgendwie auch nicht anwesend sei. Ich erinnere mich an fachärztliche Untersuchungen mit Meinungen, die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Nach der Erstuntersuchung bestand ich auf eine Zweitmeinung. Nachdem diese konträr zur ersten Einschätzung war, ging ich zu einem dritten, vierten und fünften spezialisierten Brustkrebszentrum in Deutschland. Nach der dritten Fachmeinung wünschte ich mir eigentlich nur noch Klarheit. Diese Unsicherheit frisst einen selbst und auch dessen Familie von innen heraus auf.

Nachdem ich fünf verschiedene Fachmeinungen eingeholt hatte, jede mit unzähligen Untersuchungen verbunden waren, war ich genauso schlau wie vorher. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen im Käfig. Jeder der fünf Spezialisten hatte eine eigene Meinung. Am Ende stand ich nach neun Monaten mit fünf verschiedenen Einschätzungen da. Diese reichten von nichts tun und erst einmal abwarten, da es sich nur um eine Vorstufe von Krebs handele, bis hin zum Rat der beidseitigen Brustabnahme mit Hormontherapie, da der Krebs definitiv schnellstmöglich behandelt werden müsse. Die letzte Meinung lag mir sehr schwer im Magen. Nicht, weil ich mich nicht operieren lassen wollte, wenn es um mein Leben geht; ich habe mir jedoch die Frage gestellt, ob dies bei der Bandbreite an Diagnosemöglichkeiten irgendwie zu vermeiden sei. Fragen wie „Was bedeutet Weiblichkeit für mich?“ und „Definiere ich meine Weiblichkeit für mich durch meine Brüste?“ schossen mir durch den Kopf. Davon abgesehen hatte ich mich schwergetan, meinen Körper so anzunehmen, wir er ist – und zwei der wenigen Körperteile, die ich wirklich mag und an denen ich nichts auszusetzen habe, sind meine „zwei Ladies“ – diese möchte ich unter keinen Umständen abgeben.

Es waren mittlerweile neun Monate vergangen, das Jahr 2013 war vorbei, ich hatte jeweils fünf Tumore in jeder Brust und fünf verschiedenen Meinungen dazu. Ich war einfach nur fertig mit den Nerven und der Welt. Wie konnte dieses Jahr, indem ich geplant hatte, mein Studium erfolgreich abzuschließen, eine solche Wendung nehmen? Ich war von einer selbstbestimmten, aktiven jungen Frau, die mit beiden Beinen voll im Leben steht, zu einer abhängigen und energielosen Person geworden, die sich selbst kaum im Spiegel wiedererkannte. Aufgrund der Untersuchungen, Schmerzen und meiner Kraftlosigkeit bin ich nach ein paar Monaten wieder bei meinen Eltern eingezogen. Ich möchte nicht überheblich klingen, da ich mehr als dankbar bin, diese Möglichkeit der Fürsorge überhaupt gehabt zu haben. Dieser Schritt war jedoch definitiv auch nicht einfach.

Neben meinem körperlichen Dahinscheiden hatte ich psychisch auch mit Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen. Es ist sehr interessant, wenn ich an die Zeit zurückdenke: Ich kann mich an beinahe alle Tests erinnern, an die wenig sensible Kommunikation der Ärzte und das ständige Pendeln zwischen meinem Bett und den Kliniken. Im Vergleich zur emotionalen Ebene ist diese Zeit komplett an mir vorbeigezogen, ich kann mich nur noch wie an einen Film daran erinnern. Was heute noch bleibt ist das Gefühl der Angst, der Ungewissheit und kompletten Hilfslosigkeit, die ich keinem Menschen je wünschen würde. Ich schlief in der Zeit sehr viel und erinnere mich daran, von meiner Mutter zum Essen geweckt worden zu sein, bevor ich wieder in Trance zurück in den Schlaf fiel. Diese Zeit kommt mir wie ein Computer vor, der im Standby-Modus ist, Hintergrundaufgaben durchführt und darauf wartet, wieder neu gestartet werden zu können.

Nachdem das Jahr 2013 vorbei war, wurde ich Anfang 2014 wegen Schmerzen mal wieder auf der Notstation aufgenommen. Ich kann mich an eine tolle Studentin im Krankenhaus erinnern, die zu mir meinte, ob ich neben psychologischer Hilfe auch schon mal über das Thema Ernährung nachgedacht hatte. Ich war recht perplex, als ich mit Schmerzen und mit Schmerzmitteln vollgepumpt dalag und die Dame mir etwas über Ernährung erzählen wollte. Der Gedanke ist noch etwas in mir nachgeklungen und verlief sich dann aber, als ich wieder Zuhause war.

Mir lagen fünf verschiedene Meinungen vor, ich litt erneut sehr unter den Schmerzen – so sehr, dass ich kaum duschen konnte, ohne dass der Wasserstrahl auf meiner Brust zu höllischen Schmerzen führte. Nachdem ich wusste, dass ich eine Entscheidung zum weiteren medizinischen Vorgehen treffen musste, kam mir der Gedanke der Ernährung wieder. Ich denke, wenn es mal darum geht, dass man um sein eigenes Leben kämpft, erreicht man irgendwann eine Schnittstelle, ab der man zu allem bereit ist.

Ich habe angefangen, mich in Brustkrebs und Ernährung einzulesen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich den medizinischen Sprachjargon verstand. Mir war jedoch von Anfang klar, mich nicht in Foren zu informieren, da dort eine zu große und unnötige Panikmache herrscht, über Meinungen und Ideen von Laien, die sich durch Ihre Erfahrung als Gesundheitsexperten verstehen. Es steht außer Frage, dass jeder Mensch mit seiner gesundheitlichen Erfahrung wächst und dazulernt. Jedoch gibt es einen Unterschied zwischen persönlicher Erfahrung und dem Fachwissen ausgebildeter Experten – wobei auch nicht jeder gleich gut ausgebildet ist. Wie auch immer, mir war es wichtig, das Thema Ernährung evidenzbasiert anzugehen. Ich muss zugeben, ich war erstaunt, was es alles an Informationen gab, wenn man die ernährungswissenschaftliche Sprache dafür dann auch beherrscht und was einem eigentlich nicht im Krankenhaus oder in Praxen vermittelt wird.

Es dauerte ein paar Wochen bis ich mich eingelesen hatte und ich endlich auch die medizinische und studienbasierte Fachsprache verstand. Ich begann die Informationen in meinen Alltag zu übernehmen und mich anders zu ernähren. Ich aß von heute auf morgen keinen industriellen Zucker mehr, verzichtete auf Alkohol und auch auf tierische Produkte in jeglicher Form. Das war leider nicht so einfach wie es sich hier schreiben lässt, jedoch war mein Leben Motivation genug. Die ersten drei Wochen waren besonders hart. Danach wurde es etwas besser. Nach drei Monaten fühlte mich tatsächlich nach und nach besser. Meine Energie kam zurück und meine körperlichen Schmerzen ließen nach. Als ich zu einer weiteren Untersuchung ins Krankenhaus ging, wurde ich nur mit großen Augen angeschaut und nach der Untersuchung wieder nach Hause geschickt. Die Ärzte waren nicht besonders begeistert, dass ich mich nicht nach konventionell-westlichen Medizinstandards behandeln lassen wollte. Nach drei weiteren Monaten teilte man mir während der nächsten Untersuchung mit, dass von den ursprünglich zehn Tumoren nur noch neun vorhanden und diese auch kleiner geworden seien.

Es ist spannend, was der Körper alles leisten kann. Diese Fähigkeit zieht mich bis heute in den Bann. Ich habe meine Ernährung, psychologische Betreuung und Lebensstil mit viel Schlaf und Achtsamkeitstraining fortgeführt. Die kommenden Monate waren nicht einfach. Ich zweifelte an mir, ob das alles richtig war, was ich machte und wie es meiner Familie dabei ging, die wie teilnehmende Zuschauer die komplette Reise miterlebten, aber nur zuschauen und mir nichts abnehmen konnten. Meine Mutter sagte immer wieder, wenn sie einfach nur die Schmerzen und das Leid abnehmen könne, würde sie es sofort tun. Mir wurde klar, dass wenn ein Familienmitglied Krebs hat, irgendwie die ganze Familie im übertragenen Sinn auch Krebs hat. Damals war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Heute, in der Retrospektive, denke ich, wie furchtbar belastend das für meine Familie gewesen sein muss. Diese Hilflosigkeit des Ungewissen. Eine ungewisse Diagnose. Eine Ungewissheit über die nächsten Schritte. Eine Hilflosigkeit und Unbestimmtheit für die Zukunft. Man hört auf zu planen. Man nimmt nur noch ein Tag nachdem anderen wie er gerade kommt und ist dankbar, wenn es auch mal ein guter Tag ist.

Nachdem es mir 2015 wieder besserging, gab ich der Uni eine neue Chance. Es war nur noch die Abschlussarbeit zu schreiben und ich wollte mein Studium unbedingt abschließen. Leider musste ich feststellen, dass ich dem Druck noch nicht gewachsen war und exmatrikulierte mich komplett. Das war nicht einfach, mit sehr vielen Tränen und dem Gefühl des Versagens verbunden. Mir ging es jedoch besser und ich wusste, ich möchte etwas machen, um mich beschäftigt zu halten und auch wieder etwas Selbstwertgefühl zurück zu bekommen. Ich belegte meine ersten Online-Kurse im Fach Ernährung, die ich in einem sicheren Rahmen von Zuhause aus und in meinem eigenen Rhythmus, so wie ich Energie hatte, durcharbeiten konnte.

Von Monat zu Monat ging es mir immer besser. Ich suchte mir einen kleinen Job im Gesundheitsbereich auf Stundenbasis und mir wurde immer klarer, dass ich im gesundheitlich-medizinischen Bereich arbeiten möchte, um anderen Menschen mit Krebs oder einer Notsituation zu helfen. Ich wollte eigentlich schon in den medizinischen Bereich, seit ich 4 Jahre alt bin. Spannend, dass es solch ein Abenteuer brauchte, um mich auf meine ganz persönliche Zielgerade des Lebens zurückzubringen. Um meinen Traum zu erfüllen, machte ich, nachdem ich 2017 wieder vollständig gesund war, eine Ausbildung als Gesundheitspädagogin und ließ mich weiter zur Ernährungsberaterin mit zusätzlichen Fortbildungen in Psychologie und mentaler sowie physischer Gesundheit ausbilden. Mein Bachelor-Studium konnte ich jedoch nicht einfach so unbeendet lassen – nein, nein wirklich nicht. Es kostete mich viel Energie und Kraft und ich wäre fast daran gescheitert, aber ich nach einer 5-jährigen Pause konnte ich es endlich erfolgreich abschließen. So einfach, wie es sich hier schreiben lässt, war es nicht, aber all die Emotionen würden Seiten füllen und das ist definitiv eine Geschichte für einen anderen Tag.

Das Leben ist schon eine spannende Angelegenheit – besonders, wenn ich heute auf meine Reise mit dem besonderen Reisebegleiter Brustkrebs zurückschaue. Einerseits wünsche ich keinem Menschen die Erfahrung, die ich durchlebt habe – mit dieser unglaublichen Hilflosigkeit, die Krebs mit sich bringt – und andererseits wäre ich ohne diese Erfahrung nicht der Mensch, der ich heute bin. Was ich gelernt habe ist, dass Gesundheit alles ist und wir nichts sind ohne sie, obwohl wir sie täglich als selbstverständlich ansehen. Sie wird erst zu etwas Besonderem, wenn wir sie nicht mehr haben.

Mit ganz herzlichen Grüßen von mir

und meinen überaus gesunden und glücklichen zwei Ladies

Ihre Beatrice Schäfer